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Frankreich als Spitzenreiter im Bereich der Gezeitenenergie

Ebbe und Flut bringen täglich riesige Wassermassen in Bewegung. Gezeitenkraftwerke sollen aus dieser Kraft Strom gewinnen. Doch bislang sind diese zu teuer. Die Lösung: Riesenprojekte. Während in Deutschland die Landschaft und das Meer mit Windrädern übersät werden, versuchen es die Franzosen mit Turbinen unter Wasser. Das hat viele Vorteile – nicht nur optisch.


Ebbe und Flut bringen täglich riesige Wassermassen in Bewegung. Gezeitenkraftwerke sollen aus dieser Kraft Strom gewinnen. Doch bislang sind diese zu teuer. Die Lösung: Riesenprojekte. Während in Deutschland die Landschaft und das Meer mit Windrädern übersät werden, versuchen es die Franzosen mit Turbinen unter Wasser. Das hat viele Vorteile – nicht nur optisch.

 

Während der Kampf gegen den Klimawandel zur globalen Priorität geworden ist, nimmt auch der Ausbau von hydrokinetischer Energie konsequent zu. Er ist zu einem wettbewerbsfähigen Sektor geworden, in dem Frankreich sich an die technologische Spitze gesetzt hat.

 

Das Großprojekt eines Gezeitenkraftwerks von EDF und DCNS in Paimpol Bréhat zeigt die Exzellenz dieser Branche. Am 13. Mai 2016 hat Ségolène Royal, Ministerin für Umwelt, Energie und Meeresforschung, die zweite Gezeitenturbine des Pilotparks von EDF Energies Nouvelles im Departement Côtes d’Armor in der Bretagne gestartet.

 

Der französische Atomkonzern Électricité de France (EDF) und das irische Start-up Unternehmen OpenHydro bauen zusammen im Meer vor der Küste der Bretagne das weltweit größte Gezeitenkraftwerk. Die erste von insgesamt vier jeweils 16 Meter hohen Turbinen ist bereits seit Januar im regulären Einsatz. Zuvor war sie im Meer bereits ersten Funktionstests unterzogen worden. Als nächstes sollen weitere Anlagen versenkt und der Netzanschluss getätigt werden. Die erste Turbine wurde in 35 Metern Tiefe vor der Insel Bréhat nahe Paimpol in der Region Côtes-d’Armor installiert. Turbine und Meeresgrundstation wiegen zusammen 850 Tonnen und sind 22 Meter hoch.

 

Beide Turbinen sollen bis zum Sommer 2017 ans Netz angeschlossen werden und eine kumulierte Leistung von 1MW liefern,  genug Energie um über 1.500 Haushalte zu versorgen.

 

Paimpol-BrehatGezeitenkraftwerk von Paimpol-Bréhat, © Christophe Girard

 

 

Die Funktionsweise ist einfach: Die Gezeitenströmung presst Wasser in die Turbine. Diese dreht sich dann wie der Dynamo an einem Fahrrad. Alle sechs Stunden wechselt die Strömungsrichtung beim Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Jede Turbine der geplanten Anlage kann zwei Megawatt Energie liefern – ohne Schwankungen, rund um die Uhr. Würde man das vorhandene Potenzial des Meeres voll ausschöpfen, könnten in Frankreich mindestens drei Atomkraftwerke durch Gezeitenkraftwerke ersetzt werden, schätzt EDF.

 

Um die Akzeptanz der Bevölkerung vor Ort zu sichern, wurden seit Beginn der Projektplanung 2008 lokale Interessenvertretungen einbezogen. Anders als bei Offshore-Windenergieanlagen sind keinerlei Fundamentbohrungen für die Errichtung des Gezeitenkraftwerks nötig, da die Turbinen lediglich auf dem Meeresgrund abgesetzt werden. Der künftige Einsatzort wurde von ortsansässigen Fischern ausgewählt. Dabei handelt es sich um eine Schutzzone für Krustentiere und Hummer, wo die Fischer ohnehin nicht auf Fang gehen. An den für die Energieproduktion maßgeblichen Stellen herrschen Strömungsgeschwindigkeiten von mindestens drei Metern pro Sekunde. Solche strömungsstarken Orte gehören ohnehin nicht zu den Lebensräumen der dortigen Fischarten. Zuvor wurde die Anlage monatelang im European Marine Energy Center auf den Orkney Islands in Schottland umfangreich getestet. Der Testlauf verlief fehlerfrei. Zudem arbeiten die Gezeitenturbinen völlig gleichmäßig und vorhersagbar – dank der gleichmäßig wechselnden Gezeiten im sechsstündigen Rhythmus.

 

Das weltweite Potenzial der Meeresgezeitenenergie wird heutzutage auf zwischen 75 und 100 GW geschätzt. Fast vierzig Gezeitenstrom-Projekte laufen derzeit in über fünfzehn Ländern – darunter Frankreich, aber auch Japan, Norwegen, Kanada oder Großbritannien. Großbritannien verfügt über das größte Produktionspotenzial in Europa und hat bereits viele Erfahrungen gesammelt.

 

Die französischen Hersteller exportieren ihre Technologien und haben sich in der Branche als Weltmarktführer etablieren können. So werden z.B. in diesem Jahr ebenfalls Turbinen in der Bay of Fundy in Kanada installiert. Diese an der Atlantikküste gelegene Bucht hat den höchsten Tidenhub in der Welt und vor allem Ströme von bis zu 5 Metern pro Sekunde. Die Stromproduktion wird auf 3000 MW geschätzt.

 

 

Quelle: „La France à la pointe de l’énergie hydrolienne », Artikel aus « Les Echos », 02.06.2016 – http://www.lesechos.fr/idees-debats/cercle/cercle-157570-lindustrie-hydrolienne-une-filiere-en-pleine-effervescence-2003262.php

 

Redakteurin: Daniela Niethammer, daniela.niethammer@diplomatie.gouv.fr